Wie schreibt man eine Eröffnungsszene, die die Leser fesselt?
Leser beurteilen ein Buch vielleicht nicht nach seinem Einband, aber sie beurteilen es garantiert nach seiner Eröffnungsszene.
Eine Eröffnungsszene hat nur eine Aufgabe: einen Einblick in die Geschichte zu geben und die Leser dazu zu bringen, die nächste Szene zu lesen. Große Anforderungen für eine einzige Szene? Grundsätzlich ist das richtig, aber es ist nicht so schwierig, wie es klingt. Leser erwarten nicht, dass sie in der Eröffnungsszene das gesamte Buch vorfinden. Ausreichend ist es, die Aufmerksamkeit der Leser zu wecken und ihnen zu zeigen, dass die Geschichte ihre Zeit wert ist.
Drei Dinge können Sie tun, um sicherzustellen, dass die Leser dabei bleiben.
1) Stellen Sie eine Frage, die Leser wissen wollen
Egal, um welche Art von Buch es sich handelt, es gibt eine Frage in der Geschichte, die am Ende beantwortet werden muss. In einer Liebesgeschichte lautet sie: „Werden sich diese beiden Menschen verlieben und wie?“. In einem Krimi lautet sie: „Wer war der Täter?“. Thriller stellen die Frage: „Wie werden die Helden die Lage retten?“.
Wenn ein Leser es bis zur Eröffnungsszene geschafft hat, ist er bereits von der allgemeinen Frage des Genres oder der Art der Geschichte fasziniert. Sie müssen nur noch darauf aufbauen. Warum sollte ein Leser sehen wollen, wie sich ein Paar verliebt? Was macht diesen Krimi besser als den eines anderen? Was wird in diesem Thriller spannend sein? Im Wesentlichen läuft es auf eine Frage hinaus: „Wohin führt diese Geschichte?“
Viele Eröffnungsszenen bieten leider keine Frage, keine Andeutung in welche Richtung die Handlung gehen wird. Sie erklären die Situation, beschreiben die Figuren (zumeist mit überflüssigen Details), liefern eine Menge Hintergrundinformationen (Infodump) oder zeigen die Figuren in ihrer Welt, ohne dass wirklich etwas passiert.
Nichts, worüber man nachdenken könnte. Kein Gefühl dafür, dass sich eine Handlung oder Geschichte entwickelt.
Eine starke Eröffnungsszene schafft eine interessante Situation, in der etwas unbeantwortet bleibt. Sie lässt die Leser wissen, dass die Handlung voranschreitet und es etwas zu verfolgen gibt. Sie wollen wissen, wie es weitergeht, dass es tatsächlich ein „Weitergehen“ gibt.
Ein gutes Beispiel hierfür ist ein Krimi von Ruth Ware, „Das College.“
Danach war es die Tür, an die sie sich erinnern sollte. Sie stand offen, sagte sie immer wieder zur Polizei. Ich hätte wissen müssen, dass etwas nicht stimmt.
Eine offene Tür, irgendwas stimmt nicht, denn die Tür sollte nicht offen sein. Die Autorin geht sehr geschickt vor. Sie stellt eine Frage, gibt erste Anhaltspunkte – und damit einen guten Grund, um die Story weiter zu lesen.
Sehr gute Eröffnung. Sie zeigt den Lesern, dass die Geschichte irgendwohin führt und dass es sich lohnt, herauszufinden, wohin.
2) Überraschen Sie Ihre Leser mit etwas Unerwartetem
Ich – und Sie vermutlich ebenfalls – kauften schon Bücher allein aufgrund einer ungewöhnlichen ersten Zeile oder Eröffnungsszene. Unterschätzen Sie also nicht die Kraft unerwarteter Dinge.
Wenn Sie von Anfang an die Erwartungen der Leser durchkreuzen, wissen diese, dass es sich nicht um die gleiche alte Geschichte handelt, die in diversen anderen Büchern bereits vorkommt und eigentlich beim Lesen Langeweile verspricht (eben weil sie schon alles kennen, hundertmal in irgendeiner Form gelesen haben). Wie wäre es mit etwas Neuem? Vielleicht eine andere Sichtweise, ein anderer Blickwinkel oder sogar eine neue Wendung einer klassischen Handlung.
Unerwartete Elemente in einer Eröffnungsszene deuten auch darauf hin, dass das Buch voller Überraschungen sein wird, die die Leser im Ungewissen lassen, dass die Handlung nicht vorhersehbar ist.
Unerwartete Formulierungen oder Redewendungen können die Aufmerksamkeit des Lesers wecken. Ungewöhnliche Wortkombinationen, eine seltsame Bemerkung zum richtigen Zeitpunkt, eine ironische Sichtweise auf die Welt – all das kann den Eindruck vermitteln, dass diese Geschichte nicht auf Klischees basiert.
Diesen Weg ging Dennis Lehane im Roman „Regenzauber“. Es ist ein Thriller, mit durchaus brutaler Handlung. Üblicherweise starten solche Romane mit einer üblichen Eröffnungsszene: ein Mord, irgendwas anderes brutales. Lehane ging einen anderen Weg, setzte auf das Unerwartete:
Als ich Karen Nichols das erste Mal sah, hielt ich sie für eine Frau, die sogar ihre Strümpfe bügelt. Die zierliche blonde Frau stieg aus einem dunkelgrünen VW Käfer, als Bubba und ich mit unserem Morgenkaffee in der Hand quer über die Straße zur Kirche St. Bartholomew gingen. Es war zwar Februar, aber der Winter hatte uns vergessen.
Zum Zeitpunkt der Handlung waren VW Käfer schon Oldtimer. Eine junge Frau steigt aus so einem Gefährt und vermittelt trotz ihrer Jugend einen irgendwie altmodischen Eindruck. Diese Eröffnungsszene ist für einen Thriller skurril, unerwartet, und macht neugierig darauf, wie es weiter geht.
Vorhersehbarkeit ist langweilig.
3) Geben Sie den Lesern einen Grund, sich zu interessieren
Desinteresse ist der wichtigste Grund – neben Langeweile – ein Buch aus der Hand zu legen. Sie können Leser auf diese Weise schon in der Eröffnungsszene verlieren. Sie haben noch nicht genug von dem Buch gelesen, um zu wissen, warum diese Figuren so wunderbar sind, warum dieses Problem so faszinierend ist oder warum dieses Rätsel so knifflig ist.
Alles, was sie wissen, ist, dass sie eine Menge „Zeug” gelesen haben, das ihnen völlig egal ist.
Das ist hart und schwierig. Es ist unklar, was „ein Grund, sich zu interessieren” ist. Jeder Leser ist anders. Was den einen anspricht, findet der andere banal.
In den meisten Fällen interessieren Menschen sich für eine Figur, wenn sie sympathische oder fesselnde Eigenschaften hat. Wir mögen nette Menschen oder Menschen in Situationen, von denen wir wissen, dass sie schwierig sind, oder Menschen in Schwierigkeiten, mit denen wir uns identifizieren können.
Zeigen Sie vielleicht, dass der Protagonist sich um andere kümmert oder ihnen hilft, oder lassen Sie ihn eine sympathische Eigenschaft zeigen, wie zum Beispiel einen cleveren Witz oder eine gewisse Selbstironie. Wenn die Figur nicht sympathisch ist (kann nicht jede Figur sein), dann zeigen Sie in der Eröffnungsszene, was sie faszinierend, furchteinflößend oder sogar gruselig macht.
In Jennifer Crusies „Die Gerüchteköchin“ beginnt die Geschichte mit Maddie Faraday, die eines Tages auf die Idee kommt, den Wagen ihres Ehemannes zu putzen.
An einem heißen Donnerstag nachmittag im August griff Maddie Faraday im Cadillac ihres Ehemanns unter den Vordersitz und zog einen Slip aus schwarzer Spitze hervor. Ihr gehörte er nicht. Bis zu diesem Moment war der Tag ganz passabel verlaufen. Die Mikrowelle hatte zwar einen Knall von sich und dann den Geist aufgegeben […], aber die Sonne schien auf ihr blaues Holzhaus und die Temperatur war vor Mittag noch nicht auf 33 Grad geklettert.
Ein interessanter Tag, oder? Der Slip einer fremden Frau, die Mikrowelle kaputt, aber immerhin zeigte das Thermometer noch keine 33 Grad bis zum Mittag. Entspannende Zustände bisher? Finden Sie Maddie interessant? Möchten Sie mehr über ihr Leben erfahren?
Wie wäre es mit Robyn Carr und ihrem Buch „Neubeginn in Virgin River“:
Blinzelnd sah Mel in die Dunkelheit und den Regen hinaus, während sie die schmale, kurvenreiche Straße entlangschlich, die von dunklen Bäumen überschattet wurde und durch die Nässe sehr rutschig war. Und zum hundertsten Mal fragte sie sich: Bin ich jetzt völlig verrückt geworden? Dann vernahm sie einen dunklen Aufschlag, als das rechte Hinterrad ihres BMW von der Straße auf den Seitenstreifen abrutschte und im Matsch versank.
Was sind einige Ihrer Lieblingsanfänge von Romanen? Was hat Sie daran besonders angesprochen?

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