Der erste Satz im Roman ist die Visitenkarte des Autors. Wieso? Es liegt an den vielen Aufgaben, die der erste Satz erfüllen muss. Nicht nur Agenten oder Lektoren kennen die Bedeutung des ersten Satzes. Im Prinzip hat er erst einmal eine große Hauptaufgabe: Unabhängig vom Genre, muss er den Leser dazu bewegen, weiterzulesen.
Da der erste Satz im Roman das Erste ist, was potenzielle Leser in der Vorschau sehen, muss er zu hundert Prozent unwiderstehlich sein. Diese wenigen Worte müssen den Ton des Romans angeben, Neugier wecken und ebenso an das Genre angepasst sein.
- Wenn Sie einen Thriller geschrieben haben, muss Ihr erster Satz Spannung versprechen.
- Wenn Sie einen Liebesroman geschrieben haben, muss Ihr erster Satz Romantik versprechen.
Unabhängig davon, welches Genre Sie schreiben, müssen Sie Ihrem Leser ein Angebot machen, das er nicht ablehnen kann. Bei der Formulierung dieses entscheidenden ersten Satzes können Sie aus einer Reihe von Ansätzen wählen.
Je nach Genre können folgende Ansätze infrage kommen:
- Eine Gefahr erzeugen
- innere Konflikte Ihrer Figur darlegen
- Emotionen hervorrufen
- Spannung aufbauen
- Ein Geheimnis definieren – oder auch nur andeuten
- Eine Suche beginnen (nach einer Person oder nach einem Gegenstand)
- Die Mission starten (sei es, um die Liebe zu finden, den Bösewicht zu fangen oder die Zivilisation zu retten). Es gibt Überschneidungen zum Beginn einer Suche
- Die Stimmung festlegen: leicht und humorvoll, düster und gefährlich oder gewagt und beängstigend
Unabhängig von Ihrem Genre und Ihrem Ziel müssen Sie Ihre Leser ködern. Der erste Satz im Roman (oder auch zwei oder drei) müssen so provokativ oder auch gut geschrieben sein, dass Buchinteressierte einfach weiterlesen müssen.
Umgekehrt, wenn der erste Satz im Roman folgendes ist: schwach oder holprig formuliert, einfach nur langweilig, wird er die Leser abschrecken. Was wird der Leser tun? Sich nach einem anderen Buch umsehen. Das sollten Sie vermeiden. Zu dem Thema gibt es einen passenden Beitrag.
Der erste Satz im Roman sollte den Leser dazu einladen, mit der Geschichte zu beginnen. Wie kann man das erreichen? Von Moby Dicks „Nennt mich Ishmael“ bis zu Charles Dickens‘ „Es war die beste aller Zeiten, es war die schlechteste aller Zeiten“ sind einige erste Sätze zu zeitlosen Klassikern geworden.
Eine Analyse meisterhafter erster Sätze bietet lehrreiche, inspirierende Anleitungen für die vielfältigen Möglichkeiten, mit denen Autorinnen und Autoren ihre Leser in den Bann ziehen. Hier finden Sie meine Sammlung.
Eine wichtige Warnung zuerst: Wenn das Buch das Versprechen des ersten Satzes nicht einhält, wird sich der enttäuschte Leser betrogen fühlen. (Und er/sie wird keinen Ihrer anderen Bücher kaufen.) Es genügt also nicht, nur den ersten Satz zu polieren. Das ganze Buch muss blinken.
Gute erste Sätze: Beispiele und Analysen
Ich nennen ein paar Beispiele von guten ersten Sätzen bzw. einem guten ersten Absatz ausgewählter Autoren. Wie haben diese Menschen die Herausforderung: der erste Satz im Roman, gemeistert? Ferne gehe ich darauf ein, welche Gefühle, z.B. Neugierde dieser erste Satz meiner Ansicht nach weckt.
Jeffrey Eugenides
Eugenides legt das Thema seines Romans „Die Selbstmord Schwestern“, Rowohlt Taschenbuch, ISBN 978-3499234293 schon im ersten Satz fest.
„An dem Morgen, als die letzte Lisbon-Tochter Selbstmord beging – Mary diesmal, mit Schlaftabletten wie Therese – kamen die beiden Sanitäter in das Haus und wussten genau, wo die Schublade mit den Messern war, wo der Gasofen stand und wo im Keller der Balken war, an dem man ein Seil befestigen konnte.“
Was war geschehen, dass diese jungen Frauen zu einer solch verzweifelten Tat getrieben wurden? Und warum wählte jede von ihnen eine andere Methode, um ihrem Leben ein Ende zu setzen? Wir wollen Antworten auf diese Fragen.
Leo Tolstoi
Im ersten Satz von Anna Karenina sagt uns Leo Tolstoi, dass wir gleich von einer unglücklichen Familie lesen werden.
„Alle glücklichen Familien sind gleich, aber jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.“
Wir fragen uns, warum sie unglücklich sind. Was ist ihnen widerfahren und wie werden sie damit umgehen? Das sind wichtige Fragen, auf die der Leser Antworten haben möchte.
James Matthew Barrie
Barrie fasst den Kern von Peter Pan, Anaconda Verlag, ISBN 978-3730600344 in einer kurzen, aussagekräftigen Erklärung zusammen.
„Alle Kinder, bis auf eines, werden groß.“
Wir fragen uns, welches Kind das ist. Warum ist es nicht groß, bzw. erwachsen geworden? Was passiert mit einem Kind, das nicht erwachsen wird?
Franz Kafka, der Klassiker, der erste Satz im Roman auf den Punkt gebracht
Ein ganz anderes Thema wird von Franz Kafka in seinem 1925 posthum veröffentlichten Roman „Der Prozess“, behandelt.
„Jemand muss Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“
Mit diesen Worten versetzt uns Kafka sofort in den Albtraum des Protagonisten, der von Verleumdungen und Spitzeln geprägt ist.
William Gibson, ein Autor, der Preise gewann
William Gibsons „Neuromancer“, Tropen Verlag, ISBN 978-3608504880, war der erste Roman, der mit dem Nebula Award, dem Philip K. Dick Award und dem Hugo Award ausgezeichnet wurde. Der erste Satz im Roman, der angeblich in letzter Minute geschrieben wurde, gibt das Thema vor: ein ausgebrannter Computerhacker, der in einer dystopischen nahen Zukunft, die von künstlicher Intelligenz beherrscht wird, ziellos umherirrt.
„Der Himmel über dem Hafen hatte die Farbe eines Fernsehers, der auf einen toten Kanal eingestellt war.“
Hunter S. Thompson
Thompson beginnt seinen Roman „Angst und Schrecken in Vegas“, Heyne Verlag, ISBN 978-3641102517, indem der erste Satz im Roman einen Ort, eine Stimmung und ein Thema (einen desillusionierten Rückblick auf die 1960er Jahre) vorstellt.
„Wir waren irgendwo in der Nähe von Barstow am Rande der Wüste, als die Drogen zu wirken begannen.“
Der erste Satz im Roman in der Ich-Form
In einem Roman, der in der Ich-Form geschrieben ist, versetzt sich der Autor in die Gedankenwelt der Hauptfigur und vermittelt uns auf die eine oder andere Weise, dass wir gleich die ganze Wahrheit erfahren werden. Der Autor verspricht, dass es hier keine Lügen gibt, sondern nur die ehrliche, ungeschminkte Wahrheit über jemanden, über den wir mehr erfahren möchten.
Sylvia Plath
Sylvia Plath, Suhrkamp Verlag, ISBN 978-3518456767, nutzt den ersten Satz von „Die Glasglocke“, um die düstere Stimmung zu erzeugen, die über der Figur und der Geschichte schwebt.
„Es war ein verrückter, schwüler Sommer, dieser Sommer, in dem die Rosenbergs auf dem elektrischen Stuhl kamen, und ich nicht wusste, was ich in New York eigentlich wollte.“
Der erste Satz, die Verwendung der Hinrichtung sorgt für einen unerwarteten Schock, und der Name Rosenberg legt den Zeitpunkt fest (Juni 1953). Der schwüle Sommer schafft eine unangenehme Jahreszeit, New York legt den Ort fest, und der letzte Satz vermittelt die Unsicherheit einer jungen Frau, die darum kämpft, eine Identität und einen Platz im Leben zu finden.
Vladimir Nabokov
Nabokovs Lolita, Rowohlt Verlag, ISBN 978-3499225437, verwendet den ersten Satz, um das obsessive erotische Verlangen zu vermitteln, das den gesamten Roman durchzieht und den Protagonisten schließlich zerstört.
„Lolita, Licht meines Lebens, Feuer meiner Lenden. Meine Sünde, meine Seele. Lo-li-ta: die Zungenspitze macht drei Sprünge den Gaumen hinab und tippt bei Drei gegen die Zähne. Lo. Li. Ta.“
Nabokov beginnt damit, das Objekt seiner Leidenschaft zu benennen, das Wort „Licht“ stellt dar, wie diese Lolita auf den Protagonisten wirkt. Das Wort „Lenden“ verspricht, dass wir eine Geschichte über Sex lesen werden. Beinahe beschwörend wird der Name der jungen Dame zerlegt. Sie beherrscht nicht nur seinen Verstand, sie hat ihn vollkommen ausgeschaltet.
D. Salinger
In „Der Fänger im Roggen“ , Rowohlt Verlag, ISBN 978-3499235399, verwendet J. D. Salinger eine Kombination aus Prahlerei und Verletzlichkeit, um eine einzigartige Stimme zu etablieren, während er uns Holden Caulfield vorstellt. Der erste Satz im Roman legt die Stimmung fest.
„Wenn ihr das wirklich hören wollt, dann wollt ihr wahrscheinlich als Erstes wissen, wo ich geboren bin wurde, wie mies meine Kindheit war, und was meine Eltern getan haben und so, bevor sie mich kriegten, und den ganzen David-Copperfield-Mist, aber eigentlich ist mir gar nicht danach, wenn ihr´s genau wissen wollt.“
Andy Weir
In „Der Marsianer: Rettet Mark Watney“, Heyne Verlag, ISBN 978-3453316911 beginnt Andy Weir damit, uns zu erzählen, dass seine Figur in großen, großen Schwierigkeiten steckt.
„Ich bin so was von im Arsch. Das ist meine wohlüberlegte Meinung. Im Arsch.“
Wie könnten wir nicht wissen wollen, 1) was ihm passiert ist und 2) was er dagegen tun wird?
Der erste Satz im Roman in der dritten Person
JRR Tolkien
In „Der Hobbit“, Klett-Cotta, ISBN 978-3608938180 beginnt Tolkien damit, uns zu erzählen, wo sein Hauptcharakter lebt, aber auf eine so überraschende Weise, dass wir einfach weiterlesen müssen.
„In einem Loch im Boden, da lebte ein Hobbit.“
Ein Hobbit? Eine Geschichte über ein Wesen, das in einem Loch lebt? Wer oder was ist dieser Hobbit? Neugierig lesen wir weiter.
John Grisham
In seinem Justizthriller „Die Firma“, Heyne Verlag ISBN 978-3453429437 nutzt John Grisham seinen ersten Satz, um uns zu sagen, dass dieser namenlose und mysteriöse Seniorpartner tatsächlich etwas an Mitchell Y. McDeere zu beanstanden haben wird, der, wie aus dem Wort „Lebenslauf“ hervorgeht, für eine Stelle in Betracht gezogen wird.
„Der Seniorpartner las den Lebenslauf zum hundertsten Mal und fand abermals nichts, was ihm an Mitchell Y. McDeere missfiel, jedenfalls nicht auf dem Papier.“
Wir fragen uns, um welche Art von Stelle es sich handelt und was der Seniorpartner an ihm zu beanstanden haben wird. Grishams Andeutung verspricht zwielichtige Machenschaften und lockt den Leser weiter.
Gabriel Garcia Marquez
Garcia Marquez beginnt „Hundert Jahre Einsamkeit“, Fischer Taschenbuch, ISBN 978-3596907052 mit diesem denkwürdigen Satz:
„Viele Jahre später, vor dem Erschießungskommando, sollte Oberst Aureliano Buendia an jenen fernen Nachmittag erinnern, als sein Vater ihn mitnahm, das Eis kennenzulernen.“
Der Autor nutzt eine schockierende Situation – einen Mann, der vor einem Erschießungskommando steht – und eine längst vergangene Erinnerung, um unsere Neugier zu wecken. Wer ist der Oberst und was hat er getan, dass er vor einem Erschießungskommando steht? Was war an dem Kennenlernen des Eises so besonders, dass es sich so eindringlich in sein Gedächtnis eingebrannt hat? Fesselnde Fragen, auf die wir eine Antwort finden müssen, und so lesen wir weiter.
Der erste Satz enthält eine unsinnige Aussage oder eine Provokation
Der erste Satz im Roman, gekonnt geschrieben, der eine Provokation oder einen Schock enthält, fordert den Leser heraus. Er wird zum Weiterlesen gebracht. Genauso verhält es sich mit einem Satz, der offenbar Unsinn enthält.
George Orwell
Der erste Satz von 1984, George Orwells dystopischem Roman, Anaconda Verlag, ISBN 978-3730609767 teilt uns mit, dass etwas seltsam ist.
„Es war ein klarer, kalter Apriltag, die Uhren schlugen dreizehn.“
Der erste Satz nennt Eindrücke des Protagonisten
Dennis Lehane
In seinem Roman „Kalt wie dein Herz“, Diogenes Verlag, ISBN 978-3257300468 verknüpft Dennis Lehane sehr geschickt die Eindrücke seines Protagonisten über eine neue Klientin und das Wetter.
„Als ich Karen Nichols das erste Mal begegnete, kam sie mir vor wie eine Frau, die sogar ihre Socken bügelt. Sie war blond und zierlich und stieg aus ihrem irischgrünen VW Beetle, als Bubba und ich gerade mit unseren Morgenkaffees in der Hand die Straße zur St. Bartholomew´s Church überquerten. Es war Februar, doch in diesem Jahr hatte der Winter seinen Einsatz verpasst.“
Was sagt das aus über Karen Nichols? Was erwartet der Leser von der Begegnung – hier eines harten Privatdetektives – mit dieser Frau?
Daphne Du Maurier, Traumsequenz, von der abgeraten wird
Obwohl Autoren regelmäßig davor gewarnt werden, ein Buch niemals mit dem Traum einer Figur zu beginnen, hat die Autorin Daphne DuMaurier mit diesem Grundsatz gebrochen. Allerdings schrieb sie den Roman Rebecca, Insel Verlag, ISBN 978-3458361343 auch in einer anderen Zeit, in der das nicht so auffiel.
„Vergangene Nacht träumte ich, ich wäre wieder in Manderley.“
Schlussüberlegungen
Der erste Satz im Roman ist Ihre Chance, Ihre Kreativität zum Ausdruck zu bringen, zu zeigen, was Sie können. Ihr erster Satz ist der Einstieg, das Versprechen an die Leser, das etwas Tolles wartet. Investieren Sie in den ersten Satz und natürlich auch in den ganzen Rest Ihres Romans.

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