Wie sollen die ersten Seiten eines Buches, die ersten Seiten eines Romans aussehen? Welche Fehler warten? Für diese Fragen gibt es den Ratgeber von Noah Lukeman.
Die ersten 5 Seiten des Romans, Überblick
Das Buch „The First Five Pages: A Writer’s Guide to Staying Out of the Rejection Pile“ erschien im Jahr 2000 und wurde von dem Literaturagenten Noah Lukeman verfasst. Lukeman griff dabei auf seine Erfahrung aus der Prüfung Tausender Manuskripte zurück. Es ist ein Leitfaden für Beginner, damit sie nicht auf dem Ablehnungsstapel von Verlagslektoren landen.
Lukeman vertritt die Ansicht, dass die meisten Manuskripte fast augenblicklich scheitern sobald sie auf dem Schreibtisch eines Lektors landen– nicht etwa, weil die Geschichte schlecht wäre, sondern weil der Schreibstil amateurhaft ist.
Das Buch ist eine Zusammenstellung jener Fehler, die Agenten immer wieder zu sehen bekommen. Lukeman führt durch den gesamten Prozess der Manuskripteinreichung – von der Recherche passender Agenten bis zur Formatierung des Manuskripts – und widmet sich anschließend dem Schreiben an sich: Dialoge, Erzähltempo, überladener Stil, eigene Stimme und Rhythmus. Wer plant, sein Manuskript bei Agenten einzureichen, kann dieses Buch als letzte Qualitätskontrolle nutzen; es ist aber auch für Schreibanfänger hilfreich, die mit den Gepflogenheiten und Erwartungen der Verlagsbranche noch nicht vertraut sind (wobei manche Aussagen des Buches mit einer gewissen Vorsicht betrachtet werden sollten).

Die ersten Seiten des Romans: Auf die Kleinigkeiten kommt es an
Bevor ein Literaturagent ein Manuskript liest, sieht er es genauer an. Eine schlechte Formatierung lässt ihn oft schon vor der Lektüre vermuten, dass der Schreibstil laienhaft sein könnte. Nach Meinung von Lukeman trifft dies auch auf die Mehrzahl solcher Geschichten zu.
Lukeman empfiehlt, sich streng an das verlangte Manuskriptformat zu halten. Zudem rät er Autoren, auf unnötige Zusätze wie Illustrationen, dekorative Formatierungen oder dem Hinweis auf das Urheberrecht zu verzichten. Solche Details beeindrucken Agenten nicht; sie lassen den Autor vielmehr unerfahren wirken. Das Manuskript sollte sauber, professionell und gut lesbar gestaltet sein. Schlichtheit ist das Ziel.
Lukeman bedauert, dass kleine – und leicht vermeidbare – oberflächliche Fehler über das Schicksal eines ganzen Buches entscheiden und dazu führen können, dass der Autor vorzeitig nicht mehr ernst genommen wird. Andererseits können diese Kleinigkeiten auf eine umfassendere Haltung hindeuten: Sie signalisieren womöglich Nachlässigkeit, Schlamperei, Unwissenheit oder eine Missachtung branchenüblicher Standards. Kurzum, dass dem Autor nicht genug daran liegt, auch nur das Mindestmaß an Recherche zu betreiben, um ein Manuskript in einen vorzeigbaren Zustand zu versetzen. Wer bei der Präsentation nachlässig ist, schreibt oft auch entsprechend nachlässig.
Vorsicht vor überladenem Schreibstil und geschwollener Sprache
Lukeman übt scharfe Kritik an einem überladenen Schreibstil, den er als eines der häufigsten Probleme auf den ersten Seiten eines Manuskripts betrachtet. Dazu gehören:
• Zu viele Adjektive und Adverbien
• Übermäßige Beschreibungen
• Übermäßig komplizierter Wortschatz
• Sätze, die allzu sehr darum bemüht sind, literarisch zu wirken
Agenten lesen schnell. Wenn sie auf Sätze stoßen, die schwerfällig, verwirrend oder gekünstelt wirken, werden sie ausgebremst – und dieser Widerstand kann ausreichen, um sie ganz vom Weiterlesen abzuhalten.
Lukemans Lösung:
1. Wählen Sie eine präzise Sprache.
2. Streichen Sie überflüssige Zusätze.
3. Konzentrieren Sie sich auf die Kommunikation, nicht auf die Selbstdarstellung.
Das bedeutet nicht, dass Ihre Prosa minimalistisch sein muss, aber jedes Wort sollte seinen Platz verdienen.

Die ersten Seiten des Romans: Die Invasion der Adjektive
Weniger ist mehr. Wenn eine ganze Reihe von Adjektiven und Adverbien verwendet wird, schwächen sie einander ab. Es kann auf den Leser herablassend wirken, wenn der Autor ihm jedes noch so kleine Detail vorkaut. Dies unterstellt ihm einen Mangel an eigener Vorstellungskraft.
Oft ist es besser, Dinge offenzulassen und den Leser zu zwingen, seine Fantasie zu nutzen – auf diese Weise macht er sich den Text zu eigen und baut eine tiefere Bindung zum Manuskript auf. Er wird es nicht aus der Hand legen, wenn es für ihn „sein“ Text geworden ist.
Autoren, die übermäßig viele Adjektive und Adverbien verwenden, greifen meist zu abgedroschenen Begriffen – oft solchen, die sie bereits in ähnlichen Zusammenhängen gehört haben – und das klischeehafte Ergebnis ist sofort offensichtlich.
Ironischerweise schwächen Adjektive und Adverbien oft die Begriffe, auf die sie sich beziehen. Es wirkt, als würde der Autor dem Leser sagen: „Dieses Substantiv oder Verb ist nicht stark genug, um für sich allein zu stehen; deshalb muss ich es mit ein paar Adjektiven (oder Adverbien) modifizieren (oder aufwerten).“
Schließlich führt ein mit Adjektiven, Adverbien und den unvermeidlichen Kommas überladener Text zu einem sehr zähen, holprigen Lesefluss – ein Umstand, den diese Autoren selbst bemerken würden, wenn sie sich nur die Zeit nähmen, ihre eigenen Texte laut vorzulesen.
Beispiel für mit Adjektiven überladenen Text:
Der Streifenwagen raste über die holprige, steinige Straße. Immer wieder wich der Fahrer ruckartig den großen, schnellen Insekten aus, die wuchtig gegen die schmierige Windschutzscheibe klatschten. Die heiße, schwüle und erdrückende Luft drang wellenartig durch die offenen Fenster herein, so dass sich die Männer mit ihren schmutzigen, fettigen Lappen die verschwitzten, klammen Stirne abwischen mussten, wobei sie Schlieren auf ihrer schmutzigen Haut hinterließen. Der verdächtige Wagen entkam rasch, und in dem blendenden Dunst wurde die Sicht zunehmend schlechter.
Neben Präsentationsfehlern ist der schnellste und einfachste Weg für Agenten oder Lektoren, ein Manuskript abzulehnen, nach übermäßigem oder falschem Gebrauch von Adjektiven und Adverbien zu suchen. Reduzieren Sie diese! Erstaunlicherweise können Sie Ihren Stil verbessern, indem Sie Ihr Manuskript durchgehen und die Anzahl der Adjektive und Adverbien verringern.
Entfernen Sie alle Substantive und Verben von der ersten Seite Ihres Manuskripts und listen Sie sie einzeln auf. Wie viele davon sind gängig oder klischeehaft? Streichen Sie jedes einzelne durch und schreiben Sie daneben eine weniger erwartete Alternative. Gehen Sie nun zurück zur ersten Seite und fügen Sie die Ersatzwörter ein. Lesen Sie den Text laut vor. Wie liest er sich jetzt?
Übergemäßer Gebrauch von Metaphern und Vergleichen
John rannte wie eine Furie den Häuserblock entlang; er schwitzte wie ein Schwein. Er besuchte seine Tante Shirley, die totenblass aussah. Sie servierte ihm ein Getränk, das so sauer wie eine Zitrone schmeckte. Er ging nach draußen und ließ sich wie eine Decke ins Gras fallen.
Auch dieser Text ist hoffnungslos überladen.

Die ersten Seiten des Romans: Gestelzte Dialoge
Der Dialog ist ein weiterer Bereich, in dem Literaturagenten schnell Schwachstellen erkennen. Laut Lukeman tappen Dialoge von Laien oft in vorhersehbare Fallen: Sie wirken übermäßig förmlich, zu erklärend oder völlig losgelöst von der Art und Weise, wie Menschen tatsächlich sprechen.
Romanfiguren äußern sich womöglich zu Dingen, die ihnen selbst bereits bekannt sind – nur um den Leser zu informieren –, oder die Gespräche wirken steif und unnatürlich.
Gelungene Dialoge hingegen wirken mühelos. Sie spiegeln die individuelle Stimme der Figur wider, enthalten Subtext und treiben die Handlung voran, ohne dabei erzwungen zu wirken.
Da Dialoge in den ersten Kapiteln einen großen Raum einnehmen, können schwache Dialoge ein Manuskript schnell entwerten – selbst wenn die zugrundeliegende Geschichte stark ist.
Beispiel:
Draußen war es sehr kalt. Allen war bewusst, wie kalt es war. Sie hatten sich dick eingepackt. Als Jane gefragt wurde, was sie von dem Wetter hielt, sagte sie: „Draußen ist es sehr kalt. Ich habe eiskalte Füße.“
John löste die Schlittenhunde und brachte alle auf dem Schlitten unter. Sie nahmen Platz und waren abfahrbereit. John schwitzte und wirkte erschöpft von der Anstrengung. Als Jane ihn fragte, was er von der Arbeit hielt, sagte er: „Es ist harte Arbeit.“
Achten Sie auf den Schreibstil. Er vermittelt den Eindruck einer Reportage, wenn die Romanfiguren am Ende jedes Absatzes zitiert werden. Es ist, als würden die Romanfiguren lediglich dazu benutzt, eine bestimmte Aussage zu unterstreichen. Da ihre Äußerungen zudem nur der bloßen Betonung längst bekannter Sachverhalte dienen, vermittelten sie Langeweile und sind stark gekünstelt. Niemand redet so.
Alltäglicher, banaler Dialog ist meist leicht zu erkennen und einer der häufigsten Gründe für die Ablehnung eines Manuskripts. Diese Dialoge zeugen von einem Autor, einer Autorin, die nicht weiß, was sie weglassen soll, und die nicht bedenkt, wie wertvoll die Zeit des Lesers ist. Einer Autorin, die nicht weiß, dass sie selbst stets im Rampenlicht steht und kein Wort verwenden darf, das für das Buch nicht absolut unerlässlich ist. Es gilt das englische Sprichwort: When in doubt, leave it out.
Beispiel:
John drehte langsam den Türknauf und drückte die Tür auf.
„Oh, hallo Mary“, sagte er überrascht. „Ich dachte nicht, dass jemand da wäre.“
„Ja“, sagte Mary, „ich arbeite Überstunden.“
„Ach, wirklich?“, sagte John. „Das wusste ich nicht. Tut mir leid. Ich wollte dich nicht stören.“
„Schon gut“, antwortete Mary. „Ich tippe nur noch ein paar Notizen.“
„Oh, das ist gut“, sagte John. „Ich gehe gleich in mein Büro. Eigentlich gehe ich jetzt gleich hin.“
„Okay, alles klar“, sagte Mary.
„Soll ich dir etwas aus dem Flur holen?“, fragte John. „Kaffee oder Tee?“
„Okay“, sagte Mary. „Ich hätte gern einen Kaffee, wenn es dir keine Umstände macht.“
„Nein“, sagte John. „Keine Umstände. Was hättest du gern?“
„Ich hätte gern etwas Milch“, sagte Mary. „Und wenn es dir keine Umstände macht, hätte ich gern noch etwas Zucker. Zwei Päckchen.“
„Kein Problem“, sagte John. „Ich bin gleich wieder da.“
„Okay, vielen Dank“, sagte Mary.
„Kein Problem“, antwortete John und ging durch den Raum. Dann öffnete er die Tür, ging hinaus und den Flur entlang, um Mary Kaffee zu holen.
176 Worte, die absolut nichts zur Handlung beitragen, sondern Füllmaterial sind. Damit ist die Zeit des Lesers verschwendet. Wen interessiert, wie Mary ihren Kaffee haben will? Wo ist der Bezug zur Handlung, was sagt es über Mary aus? Die zwei Packungen Zucker würden nur dann Sinn ergeben, wenn z.B. auf Seite 1 des Romans Mary mit John einen Code vereinbart. An dem Tag, an dem sie 2 Packungen Zucker für den Kaffee verlangt, stimmt sie einer Heirat zu. Dann wären die Packungen Zucker (auf der letzten Romanseite in der letzten Szene), ein wichtiger Handlungsbestandteil und ein würdiger Abschluss der Handlung. Doch selbst dann sollten etwa 2/3 des obigen Dialogs gekürzt werden.

Die ersten Seiten des Romans: Anekdoten des Literaturbetriebs
Die von Lukeman immer wieder im Buch eingestreuten Anekdoten sind für Außenseiter schwer zu beurteilen. Sie klingen jedoch schlüssig, bzw. sind teilweise humorvolle Einlagen.
Um überhaupt erst zu lernen, wie man sein Instrument spielt, braucht ein Gitarrist Wochen, bis sich Hornhaut an den Fingerspitzen gebildet hat; ein Saxophonist benötigt Monate, um seine Lippenmuskulatur so weit zu kräftigen, dass er das Instrument auch nur fünf Minuten am Stück spielen kann; und ein Pianist braucht womöglich Jahre, um die Koordination beider Hände und mehrerer Finger zu entwickeln. Warum gehen Autoren davon aus, dass sie völlig ohne Ausbildung „schreiben“ können – und erwarten dann noch, gleich mit ihrem ersten Versuch international veröffentlicht zu werden? Was lässt sie glauben, sie seien von Natur aus so viel bedeutender und bräuchten weit weniger Ausbildung als andere Künstler?
Entgegen der weitverbreiteten Annahme lesen die meisten Literaturagenten und Lektoren nicht im Büro. Sie lesen nachts und am Wochenende – nach Feierabend, nach zehn- oder zwölfstündigen Arbeitstagen. Die meisten Agenten und Lektoren erhalten 500 oder mehr Manuskripte pro Monat, also etwa zwanzig am Tag. Nun verstehen Sie vielleicht, warum sie ungehalten reagieren, wenn man sie dazu drängt, das eigene Manuskript innerhalb eines bestimmten Zeitraums zu lesen.
Das Werk eines bekannten Autors liest man mit der Absicht, es zu mögen; man sucht aktiv nach Vorzügen und blendet Schwächen womöglich sogar aus. Das Manuskript eines unbekannten Autors hingegen wird von einem genervten, überarbeiteten Lektoratsassistenten gelesen – jemandem, der nur darauf hofft, den kleinsten Fehler zu finden, um das Werk schnell beiseitelegen und sich den nächsten fünftausend Manuskripten zuwenden zu können.
Versuchen Sie nicht, einen Lektor oder Agenten zwischen 12:30 und 15:00 Uhr zu kontaktieren. Sie werden dann wahrscheinlich mit anderen Lektoren oder Agenten zu Mittag essen. Kontaktieren Sie sie nicht vor der Mittagspause, da sie sich erst einmal in den Arbeitstag einfinden müssen. Melden Sie sich auch nicht zwischen 15:00 und 16:00 Uhr; in dieser Zeit verdauen sie das Mittagessen und rufen diejenigen zurück, die sich während ihrer Abwesenheit gemeldet haben. Rufen Sie nicht nach 17:00 Uhr an, denn dann erwacht Hollywood gerade erst zum Leben, während die Lektoren sich bereits auf den Feierabend vorbereiten. Wenn Sie also unbedingt anrufen müssen, dann tun Sie das genau um 16:30 Uhr.
Who needs children if you have writers? (Anonymes Zitat einer Verlagslektorin)
Die ersten Seiten des Romans: Fazit
Gehört Lukemans Buch zu den „must have“ eines Autors? Nicht unbedingt. So interessant die Tipps sind und so humorvoll auch manche eingestreute Anekdote ist: auf dem Markt existieren bessere Bücher. Die Hinweise sind nicht wirklich zahlreich und die verwendeten Beispiele meiner Ansicht nach arg konstruiert. Es mag Texte geben, die mit Adjektiven überladen sind, es gibt Dialoge, die absolut gekünstelt klingen. Aber was Lukeman hier präsentiert ist zu sehr konstruiert, zu sehr gekünstelt. Es hätte seinem Buch gut getan, Texte abgelehnter Manuskripte zu verwenden mit genauen Hinweisen auf den Ablehnungsgrund. Der Lerneffekt wäre höher gewesen.

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