Frau späht hinter einem Theatervorhang, Subtext

Subtext – die Handlung zwischen den Zeilen

Was ist Subtext? Folgt man den offiziellen Beschreibungen, dann ist Subtext die versteckte, ungesagte Bedeutung hinter den Worten oder Handlungen einer Figur. Okay, dann ist ja alles klar. Ende dieses Blogbeitrags.

Oder doch nicht?

Schauen wir uns mal an, wie Subtext in der Praxis funktioniert.

Was ist Subtext?

Subtext ist nicht das, was wir in unserer Geschichte sagen, sondern wie wir es sagen. Es sind die unterschwelligen Botschaften, die wir unseren Lesern vermitteln – Dinge, die sie verstehen sollen, ohne dass wir sie ihnen direkt aussprechen. Subtext verleiht einer Geschichte Tiefe und Komplexität. Er schafft ein Erlebnis, das im Bewusstsein der Leser haften bleibt.

Subtext ist die Botschaft, die zwischen den Zeilen mitschwingt. Dialoge oder Handlungen mögen zwar den Anschein erwecken, dass alles in Ordnung ist, doch der Leser weiß aufgrund vorangegangener Ereignisse, dass der Subtext etwas anderes aussagt. Ein Beispiel: Wenn Arnold Schwarzenegger als Terminator im ersten Film sagt „I’ll be back“ (Ich komme wieder), kündigt er zwar seine Rückkehr an, doch der Subtext lautet: Es ist eine Drohung.

Als Leser begegnen wir Subtext am häufigsten in Dialogen – etwa wenn eine Figur etwas Bestimmtes sagt, ihre Körpersprache oder ihr innerer Monolog jedoch eine ganz andere Botschaft vermitteln. Dies erzeugt Konflikte. Es steigert die Spannung. Es wirft Fragen auf. Der Leser wird am Ende gefesselt – und will weiterlesen. Genau in unserem Sinne.

Oft wird die die Kraft des Subtexts unterschätzt. Dabei kann es den Schauplatz einer Geschichte enorm bereichern.

Wie kann die Kulisse Subtext erzeugen?

Es gibt dafür verschiedene Möglichkeiten. Eine ist es, die Emotionen einer Romanfigur sichtbar zu machen.

Als gutes Beispiel ziehe ich eine Krimiautorin heran, es ist Kathy Reichs. Im deutschen Sprachraum ist sie besonders bekannt für ihre Romane um die forensische Anthropologin Temperance Brennan. Auch wurde auf Basis der Romane eine Krimiserie erstellt.

In dem Textausschnitt geht es darum, dass Brennan demnächst ein Gespräch führen wird, um Fakten über einen möglichen Mord aufzudecken. Dieser ereignete sich auf dem Grundstück einer Nebenfigur – oder in dessen unmittelbarer Nähe. Lässt sich – ohne weiteren Kontext – bereits erahnen, ob die Figur ihr Ziel in dieser Szene erreichen wird?

Das Innere des Hotels entsprach genau dem Eindruck, den die Fassade vermittelt hatte. Ein abgewetzter Teppich mit vergilbtem Kunststoffläufer, ein mit Linoleum verkleideter Tresen, ein Holzregal für Schlüssel und Post, Wände mit rissigem Putz. Die Luft roch nach Schimmel, Staub sowie jahrelangem Zigarettenrauch und Schweiß.

– Kathy Reichs, Grave Secrets bzw. Deutscher Titel Knochenlese

Was wäre, wenn Reichs Folgendes geschrieben hätte:

Das Innere des Hotels entsprach genau dem, was das Äußere versprochen hatte. Gefällige Massenware an der Wand: Bilder von reizenden Landhäusern, Familien am Strand und Wohlfühl-Idylle im Stil von Norman Rockwell. Die Luft roch nach Zitronen-Raumspray; alles war blitzsauber und wirkte dennoch wohnlich.

Eine ganz andere Kulisse: Sauber, aufgeräumt, ein angenehmer Duft liegt in der Luft. Man kann förmlich spüren, wie demnächst eine hilfreiche Person um die Ecke kommt und alle Fragen der Ermittlerin korrekt beantwortet. Es gibt ein freundliches Händeschütteln, eine Einladung zu Kaffee und Kuchen.

Was würden Sie hingegen bei der Originalversion erwarten? Irgendein schmieriger Typ wird wahrscheinlich kommen, unfreundlich bis ins Mark. Sein Ziel wird es sein, die Ermittlerin so schnell wie möglich wieder an die frische Luft zu setzen. Beantwortete Fragen? Wohl eher nicht.

Andere Wortwahl, ein anderer Fokus der Erzählfigur. Was die Figur sieht und erlebt, lässt den Leser für das bevorstehende Gespräch einen anderen Ausgang erwarten. Im ersten Beispiel teilt die Autorin dem Leser nicht explizit mit, dass die Erzählfigur wahrscheinlich nicht damit rechnet, Antworten auf ihre Fragen zu finden. Aber die Nutzung der Kulisse als Subtext erzeugt genau das.

Subtext nimmt Komplikationen oder Konflikte vorweg

Subtext kann auch durch den Schauplatz erzeugt werden. Man kann Komplikationen oder Konflikte vorwegnehmen. Die Perspektivfigur im folgenden Fantasy-Roman für Erwachsene befindet sich auf einem unfreiwilligen militärischen Einsatz.

Was wäre, wenn der Autor einfach folgenden Text geschrieben hätte:

Wir erreichten das Ziel, wo die Einheimischen nicht ahnten, was wir gleich tun würden.

Ja, ein wenig Vorschau wird gegeben. Die Einheimischen ahnen nichts, wir aber wissen Bescheid, was gleich passieren wird. Okay, kann man schreiben. Es ist nicht falsch. Allerdings verpasst man die Chance, die Kulisse zu seinem Vorteil zu nutzen.  Es fehlt in dieser Beschreibung an Emotionen. Ebenfalls fehlt eine Vorahnung oder Spannung.

Wie ist nun tatsächlich der Autor vorgegangen?

Über uns wich plötzlich die klaustrophobische Schwärze der Höhlendunkelheit einer Schwärze anderer Art: einer mondlosen Nacht, in der der Wind zerfetzte Wolkenschleier über uralte, gleichgültige Sterne hinweg zog.

—Gregory Maguire, Son of a Witch

Da wir miterleben, was die Erzählfigur erlebt, steigert dieser Schauplatz die Spannung. Wir spüren, dass etwas Schlimmes bevorsteht.

Welcher der beiden vorangegangenen Abschnitte würden Sie dazu bewegen, weiterzulesen?

Indem der Autor den Schauplatz nutzt, um die emotionale Stimmung einer Szene zu etablieren, zieht er den Leser tiefer in die Geschichte hinein. Das ist Subtext.

Subtext wirft Fragen auf. Subtext schraubt die Spannung in die Höhe. Der Autor liefert dem Leser einen guten Grund, um weiterzulesen.

Betrachten wir ein weiteres Beispiel, diesmal aus einem futuristischen Jugendroman. Die Erzählfigur – eine junge Frau, die kurz davor steht, sich von allem zu lösen, was sie kannte. Alles, wofür sie bisher hart gekämpft hat. Sie wollte unbedingt zu einer Gemeinschaft gehören und stellt das nun infrage. Sie wägt das Für und Wider ihrer Entscheidung ab.

Man könnte den Anfang des Kapitels beispielsweise auf diese Art gestalten:

Sie fragte sich, ob sie wirklich gehen sollte. Ob sie es nicht bequemer hätte – und weniger Herausforderungen –, wenn sie einfach bliebe und Spaß mit ihren Freunden hätte.

Das obige Beispiel wirft natürlich Fragen zur Geschichte auf. Zieht es uns jedoch in den Bann? Mich jedenfalls nicht.

Wie hat nun der Autor tatsächlich gearbeitet?

Über Nacht war der erste Frost des Winters eingekehrt. Die Bäume glänzten wie Glas; an den kahlen Ästen funkelten Eiszapfen. Glitzernde schwarze Finger erstreckten sich über das Fenster und zerschnitten den Himmel in scharfe, kleine Stücke.

Tally presste eine Hand gegen die Scheibe und ließ die Kälte durch das Glas in ihre Handfläche dringen.

Scott Westerfeld, Pretties

Achten Sie auf die Schlüsselwörter, mit denen der Autor signalisiert, dass es eine sehr schwere Entscheidung für seine Figur ist: Frost, kaltes Glas, kahl, glitzernd, schwarz, zerschneiden, Kälte.

Die Botschaft ist klar. Alle oben genannten Worte verkörpern unangenehme, bzw. kalte Dinge. Wer schon einmal eine kalte Glasscheibe berührt hat, versteht den Eindruck. Die Figur betrachtet eine kalte und abweisende Winterlandschaft. Genauso sieht es in ihrem Innern aus.

Subtext ist ein mächtiges Werkzeug und eine wirkungsvolle Methode, um die Leser tiefer in die Geschichte hineinzuziehen. Es ist in jedem Fall eine Bereicherung.


Veröffentlicht

in

von

Schlagwörter:

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert