Aus der Kolumne „Besser Bücher schreiben“ die heutige Episode: wie vermeidet man Langeweile. Die beste Möglichkeit keinen langweiligen Krimi zu schreiben, besteht meiner Ansicht nach darin, langweilige Krimis zu studieren. Während bei professionellen Verlagen Mittel und Wege existieren, damit langweilige Krimis erst gar nicht veröffentlicht werden, gibt es bei sogenannten Druckkostenzuschussverlagen diese Hürde nicht. Wieso auch? Die Kosten für Personal und den Druck von ein paar Büchern übernimmt schließlich der Autor, die Autorin. Risiko des Verlags: Null.

Diese Bücher sind – bei allem gebotenen Mitleid für die Person, der dafür viel Geld aus der Tasche gezogen wurde – trotz ihrer Mittelmäßigkeit lehrreich. Durch die fehlende Qualitätsprüfung ergeben sich viele Studienmöglichkeiten. Es ist wie der Unterschied zwischen einem gepflegten Rasen und einem vernachlässigten mit viel Unkraut. Wer Unkräuter studieren will, ist bei so einem Rasen gut aufgehoben.
Manege frei für einen langweiligen Krimi. Thema: eine Frau, die einen Kosmetiksalon leitet, stolpert unverhofft über Leichen in ihrem persönlichen Umfeld. Hilfe erhält sie von einem verdammt gut aussehenden Kommissar mit großem Hund. Da die Frau Hunde mag und der Kommissar umwerfend aussieht, fliegen zwischen beiden bald romantische Funken.
Erster Eindruck: Vom Plot her recht gut gedacht. Genre geht in Richtung Cosy Crime. Man kann etwas daraus machen. Wieso die Story trotzdem bei einem Zuschussverlag landete, wird jedoch schnell deutlich. Texte in kursiv sind original. Der Rest sind meine Anmerkungen. Originalnamen wurden verkürzt. Die Autorin ist schon genug geschädigt. Die Auffindbarkeit im Internet habe ich deshalb erschwert.
Besser schreiben: Hook oder nicht Hook, das ist hier die Frage

ER kommt im Nebel auf mich zu, die Pistole im Anschlag. Ich versuche verzweifelt wegzulaufen, aber er holt mich ein, reißt an meinen Haaren und wirft mich zu Boden. »Jetzt bist du dran«, flüstert er heiser und hält seine Waffe an meine Schläfe. Diese Augen, diese eiskalten, fast wie gefrorenes Eis wirkenden Augen blicken mich unbarmherzig an. Ich fange an wie verrückt zu schreien und wache schweißgebadet aus meinem Alptraum auf.
Tja, die gute alte Traumsequenz. Vermutlich sollte – in Analogie zur Anforderung eines fesselnden ersten Absatzes (Hook genannt) – Spannung für Leser aufgebaut werden, der Wunsch geweckt werden, mehr zu erfahren, das Buch zu kaufen. Doch die Spannung platzt wie eine Seifenblase. Alles nur geträumt. Gehen Sie weiter, es gibt nichts zu sehen.
Seit ich in diesem Haus wohne, habe ich schon diese Alpträume und kann sie mir nicht erklären. Es sind immer die gleichen Bilder, die in meinem Kopf wie ein Film ablaufen, langsam werde ich noch verrückt. Meine beiden Söhne behaupten, ich schaue zu viele Krimis, aber ich habe eine merkwürdige Vorahnung, irgendetwas wird noch passieren und ich fürchte, es wird nichts Gutes sein.
Versuch des Spannungsaufbaus wegen zukünftiger, schlimmer Dinge, die eventuell vielleicht passieren werden – oder auch nicht.
Ich heiße übrigens Sandy M., bin achtundvierzig Jahre alt, wohne am Stadtrand von B in einem schönen Haus mit Garten und habe mir dort einen Kosmetiksalon mit Fußpflege eingerichtet. Das Haus habe ich von meiner verstorbenen Tante E geerbt. Also, eigentlich bin ich ganz normal, wenn man von den Alpträumen einmal absieht. Hätte ich allerdings zu diesem Zeitpunkt gewusst, wie dieser Tag noch enden würde, dann wäre ich auf jeden Fall im Bett geblieben, aber das Schicksal hatte andere Pläne mit mir.
Infodump über die Protagonistin. Der Satz „wenn ich gewusst hätte …“ widerspricht dem Satz vom vorherigen Absatz „ich habe eine Vorahnung“. Ein Absatz vorher war es nur eine Vorahnung, aber jetzt kennt die Protagonistin die Zukunft exakt?
347 weitere Worte vergehen, in denen Sandy duscht, frühstückt und einen Anruf ihres Buchhändlers entgegennimmt. Ein bestelltes Buch ist endlich da und der Lehrling bringt es um 13 Uhr vorbei. Was für ein Service. Toller Buchladen. Dann erscheint die atemlose Mitarbeiterin Betty. Sie sieht mitgenommen aus.
1.054 Worte später hat der Leser folgende Informationen: Betty ging vor der Arbeit zum Friedhof, um Blumen auf das Grab ihrer Mutter zu legen. Dort sah sie, wie ein Typ in Kapuzenshirt und unheimlichen Augen sich an einer Gruft zu schaffen macht.
Miese Typen haben übrigens immer unheimliche Augen, tragen entsprechende Kleider oder haben einen düsteren Blick. Ein Bösewicht mit strahlendem Lächeln, stylischer Kleidung und gewinnendem Händedruck ist völlig undenkbar. Hunderte AutorInnen von Zuschussverlagen können sich nicht irren!
Der Bösewicht mit dem unheimlichen Blick bedrohte Betty mit einem Messer, floh aber beim Auftauchen eines Friedhofarbeiters. Der Arbeiter ruft die Polizei an. Die Polizei verhält sich merkwürdig. Sie kommt nicht sofort mit Blaulicht und Sirene, vernimmt die beiden Zeugen und versucht den flüchtenden Täter mit einer Großfahndung noch zu erwischen. Stattdessen erhält der Friedhofarbeiter die Auskunft, dass demnächst 2 Beamte Betty am Arbeitsplatz besuchen „die den Tathergang ermitteln und mich als Zeugin befragen wollen.“ (Zitat Betty)
Wieso dieses seltsame Verhalten? Der Plot erfordert es, dass Sandy sich in einen der Beamten verliebt. Damit die zwei einander kennenlernen, muss Sandy bei der Befragung ihrer Mitarbeiterin Betty anwesend sein. Der Autorin fiel als Problemlösung nur dieses extrem unlogische Verhalten der Polizei ein. Da Betty bei Sandy arbeitet, kommen die Polizisten vorbei und so kann Sandy ihren künftigen Lover kennenlernen. Plotproblem gut gelöst, oder?
Ansonsten passiert wenig. Der Lehrling des Buchhändlers bringt das bestellte Buch. Im Umschlag ist jedoch eine merkwürdige Karte, die wie eine Schatzkarte aussieht. Vermutlich ein wichtiger Plotgegenstand, der einige Kapitel später seine Kraft entfalten soll.
Zwei Männer, die sehr nach Kripo aussehen, kommen auf den Salon zu. Der eine ist etwas unscheinbar in Uniform, aber der andere – wow, was für ein Mann! Groß, schlank und durchtrainiert. Dunkle Haare, die sich im Nacken etwas wellen. Das Gesicht sehr männlich, markant. Er hat schwarze Jeans und einen Parka an, rechts neben ihm läuft noch ein zweiter Begleiter. Ein riesiger schwarzer Hund, fast schon ein Wolf.
Nebenbei bemerkt: Wenn beide von der Kripo sind, tragen beide keine Uniform. Ebenfalls nebenbei bemerkt: Wie erkennt man am Aussehen, dass jemand bei der Kripo arbeitet?
Besser Bücher schreiben: Die seltsame Vernehmung bei Kaffee und Kekse

Die folgende Vernehmung Bettys in Anwesenheit von Sandy ist so lehrreich, dass ich sie vollständig zitiere:
»Mensch Sandy, ich falle gleich in Ohnmacht. Was für ein Typ!«
»Ja, sieht ganz nett aus, aber der Hund ist süß.«
Betty erwacht aus ihrer Verzückung und starrt mich fassungslos an. »Da kommt ein Kerl daher, für den würden die Frauen alles tun und du findest seinen Riesenköter süß?«
Ich zucke mit den Schultern. »Ja, warum denn nicht? Ich liebe Hunde.«
Betty schüttelt entnervt ihren Kopf. »Dir ist nicht mehr zu helfen!«
Ich bin schlau genug ihr nicht zu sagen, dass mir der Mann sehr wohl gefällt, denn wenn sie das wüsste, würde sie gar keine Ruhe mehr geben. Wir werden aber um weitere Diskussionen gebracht, weil die Türglocke zweimal läutet und die Herren von der Polizei eintreten.
»Guten Tag, mein Name ist H., Polizeiinspektion 1, und das ist Kriminalhauptkommissar M.« Der Mann in Uniform zeigt auf seinen Kollegen, der uns kurz zunickt, ansonsten aber das Reden erst mal Herrn H. überlässt. Betty raunt mir zu:
»Mensch, der heißt auch M.«, worauf hin sie ein strafender Blick aus grauen Augen schnell verstummen lässt. Ach, das hat dieser Kripo-Typ also gleich mitbekommen. »Bei dem muss man vorsichtig sein«, denke ich bei mir.
»Ja, also …«, umständlich holt Herr H. ein Notizbuch und einen Bleistift aus seiner Uniformjacke. »Wer von den Damen heißt denn nun S. und ist auf dem örtlichen Friedhof überfallen worden?«
Tja, die unwissende Polizei. Wenn sofort nach dem Notruf eine Streife beim Friedhof vorbeigefahren wäre, hätte man alle Informationen gehabt. Dann hätte die Autorin aber nicht gewusst, wie Sandy und ihr Lover einander erstmals über den Weg laufen sollen. Deswegen muss die Polizei sich erst durch den Nebel der Unwissenheit durcharbeiten. Eine Frau wurde überfallen, aber zwei stehen vor einem? Wer von den beiden ist nun das Opfer? Interessantes Problem in dieser Episode von „Besser Bücher schreiben“.
»Das bin ich!« Betty tritt einen Schritt vor.
»Ach so, so«, murmelt Herr H. in seinen Schnauzbart, »dann erzählen Sie doch mal.«
In der Zwischenzeit hat sich dieser »Herr M« schon gemütlich in einen Sessel gelümmelt, die Beine lang ausgestreckt, sein Hund liegt neben ihm mit dem Kopf auf seinen Pfoten. Ein Bild für die Götter.
»Sie können sich auch gerne für die Befragung hinsetzen, wie Ihr Kollege«, meine ich etwas säuerlich.
»Äh, ja gerne«, umständlich lässt sich Herr H. auf einem Sessel nieder. »Ein frischer Kaffee wäre auch nicht schlecht, Frau M.!«
Ich schaue verdutzt diesen merkwürdigen Kripomenschen an und ganz kurz blitzt so etwas wie Belustigung in seinen grauen Augen auf. Das war ja die Höhe! Für was hält der mich? Empört rausche ich in die Küche und überlasse die arme Betty der Befragung.
Der Kaffee ist fertig und ich habe mich wieder beruhigt, also nehme ich noch eine Packung Butterkekse aus dem Schrank und gehe mit dem vollbeladenen Tablett wieder nach nebenan. Herr H. springt diensteifrig auf und hilft mir beim Tisch decken, was ich als sehr nett empfinde. Betty tut mir allerdings leid! Sie sieht schon sehr mitgenommen aus.
»Frau S., bitte denken Sie nach, jede Kleinigkeit ist wichtig«, eindringlich sieht Herr M. die arme Betty an.
»Es tut mir leid, es ging alles so schnell und ich hatte solche Angst«, hilflos zuckt Betty mit den Schultern. »Ich kann Ihnen keine bessere Beschreibung des Mannes geben, nur seine schrecklich kalten Augen, die werde ich nicht vergessen.«
»Warum ist die ganze Sache überhaupt ein Fall für die Kripo?«, mische ich mich ein.
Der Kommissar schaut mich ernst an. »Wir verzeichnen schon seit Wochen viele Einbrüche auf Friedhöfen in der gesamten Umgebung. Es werden immer die Gruften aufgebrochen und verwüstet und es gab im Zusammenhang damit leider auch schon einen Toten, übel mit einem Messer zugerichtet.«
»Oh, mein Gott!« Ich sehe entsetzt zu Betty, die im Gesicht kalkweiß wird.
»Leider konnte bisher kein einziger Zeuge brauchbare Hinweise liefern«, Herr M. seufzt, »Wir treten momentan auf der Stelle.«
Die beiden Herren trinken ihren Kaffee aus und stehen auf.
»Hier ist meine Karte, für den Fall, dass Ihnen noch etwas einfällt.« Herr M. reicht Betty die Karte und gibt ihr die Hand.
»Bitte machen Sie sich keine Sorgen, wir tun alles, um diesen Verbrecher zu schnappen. Frau M.!« Er wendet sich mir gerade in dem Moment zu, in dem ich heimlich dem Hund einen Butterkeks vor die Nase halte. »Das ist ein Polizeihund und kein Schoßhündchen, bitte unterlassen Sie das«, knurrt er mich an.
»Aber er ist doch so süß und liebt meine Kekse«, wage ich einzuwenden. Ein vernichtender Blick aus grauen Augen trifft mich und den Hund, der den Keks schon aufgefressen hat und leise mit seinem Schwanz auf den Boden klopft. »F, bei Fuß!« Der Hund steht sofort neben ihm und gemeinsam gehen sie zur Tür. Verlegen verabschiedet sich auch Herr H. von uns und eilt seinem Kollegen hinterher. An der Tür dreht sich Herr M. noch einmal um. »Übrigens, der Kaffee war gar nicht so schlecht.« Er nickt uns kurz zu und verschwindet.
»Na, so ein unmöglicher Mensch!«, schimpfe ich vor mich hin.
»Du hättest halt seinen Hund nicht füttern sollen, Sandy.«
»Ach was, wegen einem Keks stirbt der nicht gleich«, knurre ich leicht gereizt.
»Das wohl gerade nicht, aber es ging ja auch um das Prinzip«, meint Betty diplomatisch.
»Pah, Prinzip hin oder her, auf jeden Fall fand ich den Hund sympathischer als seinen Herrn! So, pass mal auf, Betty. Du rufst jetzt gleich deinen Mann an, er soll dich abholen und ihr geht irgendwo schön essen, damit du nach diesem Horror auf andere Gedanken kommst. Ich schaffe die Arbeit auch alleine, du hast heute schon genug mitgemacht.«
»Meinst du wirklich, Sandy?«
»Ja, das meine ich, außerdem mache ich heute auch beizeiten Feierabend. Ich will ein bisschen früher in den Reitstall.«
»Na, das ist ein Wort!« Betty strahlt und verschwindet Richtung Telefon, um ihren Mann anzurufen, ich bereite alles für die nächste Kundin vor und so vergeht dieser ereignisreiche Arbeitstag.
965 Worte für diese denkwürdige Befragung mit Kaffee, Kekse und einem hübschen Kripobeamten mit seinem Hund. Natürlich wollen Kripobeamte immer frischen Kaffee, wenn sie bei einer Zeugin vorbeischauen. Logik hat in dieser Episode von „Besser Bücher schreiben“ einen speziellen Platz.
Besser schreiben: Beachte, wo du mit deinem Pferd reitest

Weitere 1627 Worte später reitet Sandy mit ihrem Pferd aus, plaudert vorher mit dem Stallburschen und findet in freier Natur rein zufällig einen Erhängten. Auf einen Anruf bei Kommissar M. kommt dieser mit Hund und Kollegen, ermittelt und erste Funken fliegen zwischen ihm und Sandy. Natürlich kommt Kommissar M. noch auf die Idee, dass Sandy sich die übel zugerichtete Leiche ansieht. Vielleicht erkennt sie den Toten. Man muss schließlich dem Zufall eine Chance geben. Sandy identifiziert den Toten als den freundlichen Buchladenbesitzer mit dem tollen Lieferservice. Zufall, du bist einfach Spitze!
Nach freundlichem Plausch des Kommissars mit Sandy, die natürlich erst am nächsten Tag im Polizeirevier ihre Aussage machen muss (nur kein Stress), reitet sie zurück zum Stall, erzählt die Ereignisse dem Stallburschen und fährt nach Hause.
Besser Bücher schreiben: Zufällige Fahrt mit zufälliger Leiche

927 Worte später fährt Sandy am Morgen zur Polizei, um ihre Aussage zu machen, die – nur weil der Plot es erfordert – nicht sofort am Tatort stattfand. Aufgrund der vielen Zufälle, die der Plot so mit sich bringt, fährt Sandy am Buchladen des Toten vorbei. Ebenfalls zufällig sieht sie genauer hin und entdeckt eine offene Tür. Selbstverständlich geht sie der Sache persönlich auf den Grund, betritt den verwüsteten Laden und findet die 2. Leiche in 2 Tagen. Diesmal hat es den Lehrling erwischt, der den Kunden des Buchladens immer die bestellten Bücher persönlich vorbeibringt. Netter Service übrigens, den ich noch nirgendwo angetroffen habe.
Da Sandy ebenfalls zufällig im Besitz der Visitenkarte von Kommissar M ist, der diese eigentlich Betty gegeben hat, Betty aber in ihrer Schusseligkeit die Karte verloren hat, weshalb Sandy sie zufällig gefunden hat usw. (Sorry für den Bandwurmsatz, aber ich wusste nicht, wie ich die Zufallskette besser darstellen soll) kann Sandy den heißen Typ gleich anrufen.
Habe ich eigentlich schon gesagt, wie toll diese ganzen Zufälle sind? Auf diese Art laufen der gut aussehende Kommissar und Sandy einander immer über den Weg und die sich anbahnende Beziehung zwischen beiden kann sich entfalten. Ist schon ein Ding, so eine Kette von Zufällen.
Besser Bücher schreiben: Der geklaute Kuss ohne Folgen

Kommissar M und sein Hund kommen vorbei und starten die Ermittlungen. Es gibt noch einen kleinen Disput zwischen Sandy und ihrem Zukünftigen. Der findet, dass sie ungewöhnlich häufig über Leichen stolpert. Ja, echt! Dem Kommissar ist das aufgefallen! Der Mann ist ein Genie.
»Was soll das denn heißen? Bin ich vielleicht jetzt der Mörder?« Ich funkle ihn empört an.
»Sie werden es kaum glauben, dieser Gedanke spukte sogar schon einmal durch meinen Kopf, aber …«, er fängt plötzlich an zu grinsen, »nur ganz kurz.«
Das ist doch wohl eine Frechheit! Ich hole gerade tief Luft, um meinen Ärger los zu werden, da gibt er mir ganz überraschend einen leichten Kuss auf den Mund, lächelt und meint: »Sehen Sie, jetzt ist wieder Farbe in ihrem Gesicht.«
Mit diesen Worten dreht er sich um und geht mit raschen Schritten zum Buchladen, spricht kurz mit dem Beamten vor der Tür und verschwindet dann im Inneren des Geschäftes.
Ich blicke ihm sprachlos hinterher, meine Gedanken wirbeln durcheinander und haben momentan sehr wenig mit einem Toten zu tun, eher mit diesem verdächtig gut aussehenden Kommissar. Ich werde aus ihm nicht schlau, also bleibe ich im Wagen sitzen und warte das weitere Geschehen ab.
Erneut eine gekünstelte Szene. Der nette Kommissar gibt einer Zeugin unaufgefordert einen Kuss und ihre einzige Reaktion ist: „Ich blicke ihm sprachlos hinterher.“ Eigentlich ist das sexuelle Belästigung mit potentiell ernsten Konsequenzen für den Beamten. Aber wir wollen die vielen Logiklücken im Plot mal nicht so ernst nehmen. Aufregung schadet nur der Gesundheit, oder?
599 Worte später geschieht folgendes: Erneut schlägt der Zufall zu und eine Nachbarin Sandys taucht am Tatort auf. Ebenfalls rein zufällig ist diese Single und immer auf der Suche nach Männerbekanntschaften, weshalb sie sich für Kommissar M interessiert. Angespornt von der Reaktion Sandys auf den schnellen Kuss weiß der Kommissar, wie er die Nachbarin abschrecken kann.
Ein kurzes Aufblitzen seiner grauen Augen und ein gefährliches Lächeln erhellen plötzlich die Züge des Kommissars. Ich ahne nichts Gutes, doch bevor ich noch etwas sagen kann, öffnet er meine Autotür, zieht mich aus dem Wagen und küsst mich.
Ich bin so überrascht, dass ich zu keiner Gegenwehr fähig bin, danach legt er den Arm um mich und sagt doch tatsächlich: »Frau S, Ihnen können wir es doch anvertrauen, es ist kein Zufall, wir sind frisch verheiratet!«
Mein Gesicht brennt und sieht garantiert rot wie eine Tomate aus. Ich bringe allerdings keinen Ton heraus, es ist mir zu peinlich, allerdings weiß ich jetzt, warum einige Menschen zu Mördern werden. Ich habe momentan auch solch merkwürdige Gedanken.
Ja, völlig logisches Verhalten der zwei. Die restlichen 459 Worte der Leseprobe sind so spannend wie alles davor.
Besser Bücher schreiben – was hätte man anders machen sollen?

Nehmen wir die Grundstruktur der Handlung:
- Eine Frau stolpert in ihrem Umfeld über Leichen
- Sie bekommt Hilfe von einem gut aussehenden Kommissar
- Beide verlieben sich ineinander
Grundsätzlich sind die drei Punkte kein Problem. Man muss die beiden Charaktere nur anders gestalten und sich folgende Frage stellen:
- Wie können die zwei einander oft begegnen, ohne dass es gekünstelt und unglaubwürdig wirkt?
- Wie kann man langsam und realistisch gegenseitige Sympathien aufbauen, so dass das Verlieben von selbst eintritt? (d.h. ohne Küsse aus dem Hinterhalt)
Auf keinen Fall darf man wie die Autorin vorgehen: Die Polizei verhält sich unlogisch, die weibliche Romanfigur stolpert über Leichen durch unrealistische Zufälle. Die 1. Leiche ist ausgerechnet der beliebte Buchhändler. Sandy identifiziert ihn deswegen, weil die Polizei unlogischerweise meint, dass Sandy den Toten kennt. Diese Annahme kommt aus heiterem Himmel ohne Indizien. Natürlich landet die Polizei einen Volltreffer. Beim Buchladen fährt Sandy nur deshalb vorbei, weil die Polizei erneut Standards grundlos missachtet. Die Lovestory besteht aus aufgedrängten Küssen, welche Sandy einfach so hinnimmt. Für wen ist das realistisch? Diese vielen Zufälle sind unglaubwürdig und vernichten jede Spannung im Keim.
Machen Sie es besser.
Hier ein anderes Beispiel.
ein zweites.
Und eine kleine Anmerkung.

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